Landquart Schwingen2018Der 16jährige Yanik Bucher aus Rothrist bestreitet seine erste Saison bei den Aktiven – im Schwingen und seine zweite bei den Kadetten im Ringen! Wie meistert er diese Doppelbelastung? Und was sind seine Ziele im laufenden Jahr? Ein unterhaltsames Gespräch mit einem der grössten Talente seiner Sportart(en).

Andreas Schiendorfer: Yanik, warst Du schon einmal in der Kathedrale Lausanne?

Yanik: Wegen der Sportszene im Chorgestühl?

Ja, es ist die älteste Darstellung unserer Sportart. Aber die Experten sind sich nicht einig, ob es sich um Schwingen oder Ringen handelt...

Yanik: …oder um beides, wie bei mir.

Du musst Dich heute noch für eine der beiden Sportarten entscheiden: Welche würdest Du wählen?

Yanik: Zum Glück muss ich das nicht tun. Die Wahl würde mir schwerfallen, obwohl die Sache im Moment eigentlich eindeutig ist: Ringen.

Ist das ein Bauchentscheid, oder kannst Du das begründen?

Yanik: Ich möchte das KV der Sportschule in Luzern besuchen, weil ich trotz all meiner sportlichen Ambitionen die berufliche Ausbildung nicht vernachlässigen möchte. Und die dazu notwendige Talent Card kann ich nur im Ringen bekommen. Da nur in der Schweiz geschwungen wird, gibt es hier kein Nationalkader.

Und aus rein sportlicher Sicht?

Yanik: Ich möchte möglichst lange zweigleisig fahren – weil ich beide Sportarten liebe und weil ich überzeugt davon bin, davon zu profitieren. Im Ringen ist mir die Kraft aus dem Schwingen nützlich, beim Schwingen kommt mir die Schnelligkeit und die Bodenarbeit des Ringens zu Gute.

Wie sieht 2019 bei Dir das Verhältnis zwischen Schwingen und Ringen aus?

Yanik: Ziemlich ausgeglichen. Im Schwingen bin ich in die Aktivkategorie übergetreten und in beiden Sportarten steht das Jahr 2019 für sportliche Höhepunkte.

Betrachten wir zunächst das Schwingen. Nachdem Du im letzten August beim Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag in Landquart die Kategorie 2003 dominiert hast, haben einzelne Medien Dich schon mit dem «richtigen» Eidgenössischen in Zug in Verbindung gebracht…

Yanik: Dort teilzunehmen, wäre natürlich ein Traum. Und träumen ist erlaubt, denn das kann zusätzliche Energien freisetzen. Aber pragmatisch betrachtet kommt Zug für mich etwas gar früh, und selbst 2022 in Pratteln wäre ich mit 19 Jahren immer noch jung. Wir haben im Schwingklub Zofingen mit Patrick Räbmatter gegenwärtig einen «Eidgenossen». Und ich muss zugeben, dass er mir im Training meine Limiten schonungslos aufdeckt. Das ist eine Frage des Gewichts, aber ganz klar auch eine Frage der Kraft und der Routine.

Welche Ziele hast Du Dir denn gesetzt für Deine erste Saison bei den «Bösen»?

Yanik: Ich will vor allem Erfahrungen sammeln. Was sportlich für einen 16-jährigen möglich ist, ist schwierig abzuschätzen. Bei den Aktiven zählen die zahlreichen Jungschwinger-Siege nichts mehr. Ich beginne wieder bei null, nehme Gang für Gang und bin zufrieden, wenn ich pro Schwingfest drei Gänge für mich entscheide, also gleich oft gewinne wie verliere.

Das erste Schwingfest ist vorbei: Wie bist Du mit Deinem ersten Auftritt zufrieden? Hast Du die angestrebte ausgeglichene Bilanz erreicht?

Yanik: Mit zwei Siegen, zwei Gestellten und zwei Niederlagen kam ich beim Schachen-Schwinget in Aarau auf den geteilten 12. Rang. Damit bin ich zufrieden. Aber ich habe ganz klar Lehrgeld bezahlt, rückblickend muss ich sagen, dass ich bei einigen Gängen nicht das Optimum rausgeholt habe. Das bedeutet letztlich, dass ich mich noch steigern kann.

Wenn wir Zug nicht in Betracht ziehen, wo findet der Höhepunkt Deiner Schwingsaison statt?

Yanik: Ich werde, so wie es im Moment aussieht, sechs Schwingfeste bestreiten. Der Höhepunkt steht schon vor der Türe und das im buchstäblichen Sinn: Am 26. Mai führt mein Schwingklub in der Altstadt von Zofingen aus Anlass seines 100-jährigen Bestehens das Aargauer Kantonale durch. Bei meinem Heimschwinget einen Kranz zu holen, das wäre natürlich schon toll. Und mit einem Kranz könnte ich mich eventuell schon für Zug qualifizieren…

Wenden wir uns dem Ringen zu. Wie sieht da das Jahr 2019 aus?

Yanik: Die ersten Höhepunkte sind bereits vorbei. In der Kategorie der Kadetten, errang ich im Greco-Ringen (Griechisch-römisch) den dritten Schweizermeistertitel, und Mitte April holte ich mir bei einem internationalen Turnier im spanischen Los Alcàzares erstmals eine Silbermedaille. Noch steht ein viertes Turnier im Ausland an, und ich will versuchen, meinen ersten Podestplatz zu bestätigen. Ab Herbst bestreite ich erstmals die Mannschaftsmeisterschaft in der obersten Liga und möchte mithelfen, nach 2010 und 2015 endlich wieder einen Schweizermeistertitel nach Willisau zu holen.

Bist Du schon gerüstet für die Zeit bei den Aktiven? Auch im Ringen fehlt Dir die Erfahrung.

Yanik: Ja, das ist richtig. Aber der Gewichtsnachteil fällt weg, da in Gewichtskategorien gerungen wird. 

Ist das nicht eine ambivalente Situation: Für das Schwingen müsstest Du deutlich schwerer als jetzt sein. Im Ringen aber wäre das ein Nachteil, weil Du in höheren Gewichtskategorien antreten müsstest.

Yanik: Mit derzeit 1 Meter 78 und 77 Kilogramm verfüge ich für den Schwingsport scheinbar nicht über Gardemasse. Aber vielleicht wachse ich noch einige Zentimeter und lege noch einige Kilos zu. Beim Nachwuchs konnte ich dieses Manko mit meiner Wendigkeit und meiner Technik mehr als wettmachen. Jedenfalls hoffe ich, dass einst nicht allein die körperlichen Voraussetzungen ausschlaggebend für die definitive Wahl der Sportart sein werden.

Eine andere Ambivalenz liegt in den finanziellen Aussichten. Die besten Schwinger können mittlerweile vom Sport leben, Ringer sind aber nach wie vor blütenreine Amateure, weil das Medieninteresse nicht gross genug ist…

Yanik: Ringer sind in der Schweiz nur selten Profis, dafür können sie an den Olympischen Spielen teilnehmen. 2020 Tokyo ist wohl kein Thema, aber 2024 Paris, das wäre schon ein Ziel, auf das hinzuarbeiten sich lohnt. Im Übrigen findet Ringen heute ein grösseres Publikum als noch vor zehn Jahren. Wenn das so weitergeht und die Medien mitziehen, dann können bald einmal auch Ringer mehr vom Sponsoring profitieren. Im Moment werde ich durch zwei Stiftungen grosszügig unterstützt. Das ist wichtig für mich, weil die Ausgaben doch beträchtlich sind.

In gewissen Medien wurdest Du als Kung-Fu-Schwinger bezeichnet. Macht dieser «Ehrentitel» Sinn für Dich?

Yanik: Er rührt daher, dass meine Mutter Lili als Chinesin in Shanghai aufgewachsen ist. Ob sich das asiatische Blut auf meinen Schwingstil auswirkt, ist schwierig zu beurteilen. Aber vielleicht ist meine Wendigkeit und Schnelligkeit nicht nur dem Ringen geschuldet, sondern auch genetisch bedingt. Mich stört die Bezeichnung nicht, weil sie – für mich persönlich – ausdrückt, dass meine Mutter und mit ihr die ganze Familie hinter mir steht, mich in allen Belangen unterstützt und an jedem wichtigen Schwingfest dabei ist. Und ohne meine Mutter wäre ich nie zum Schwingsport gekommen.

Die Bucher von Rothrist sind also keine traditionellen Schwinger?

Yanik: Nein, überhaupt nicht. Mein Vater Frank spielte einst Eishockey in Wetzikon. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass ich der beste Schwinger bin, den es je in unserer Familie gegeben hat. Und dass es so weit kam, ist ein purer Zufall. Als ich siebenjährig war, leitete meine Mutter einen chinesischen Kochkurs. Und als sie eine wunderschöne Glocke sah und fragte, ob der Gastgeber Kühe besitze, meinte dieser lachend, er habe sie beim Schwingen gewonnen. Nachdem er ihr die Regeln des Schwingsports erklärt hatte, war sie der Meinung, dass das etwas für mich sein könnte, schickte mich in ein Probetraining – und seither liebe ich diesen Sport wie keinen anderen …

…ausser Ringen. Wie entdecktest Du diesen Brudersport?

Yanik: Auch da spielte der Zufall, oder sollen wir sagen: das Schicksal, ganz gehörig mit. Weil mir das Training bei meinem Stammklub in Zofingen allein nicht ausreichte, ermunterte mich ein Freund, auch mit seinem Schwingklub in Olten zu trainieren. Und einmal, Ende 2016 wohl, besuchten die Oltner zur Abwechslung ein Ringtraining…

Es kommt also, wie es kommen muss. Und vielleicht kommt es so, dass Du Dich beim Aargauer Kantonalen mit einem Kranz für das Eidgenössische in Zug qualifizierst, dort ebenfalls einen Kranz holst und dann eine Woche später für Willisau auf die Matte steigst, um in der Folge mitzuhelfen, Kriessern den Meistertitel zu entreissen.

Yanik: Das wäre eine sehr schöne Geschichte…

Die wir in einem nächsten Interview etwas genauer aufrollen wollen. Besten Dank, Yanik, für dieses Gespräch. Wir wünschen Dir in Deiner doppelten Debütsaison viel Erfolg und ein Fernbleiben der Verletzungshexe.

Interview mit Andreas Schiendorfer

 

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